Die Beruflichen Schulen Rheingau in Geisenheim standen vor einer Herausforderung, die viele Bildungseinrichtungen in Deutschland betrifft: erheblicher Sanierungsstau, veraltete Gebäudestrukturen und fehlende Kapazitäten. PA+ Architekten hat gemeinsam mit dem Rheingau-Taunus-Kreis eine Lösung entwickelt, die weit über eine reine Modernisierung hinausgeht. Die Vision: ein zukunftsfähiger Bildungscampus, der Lernen, Praxis und Gemeinschaft in einer architektonisch klaren Haltung vereint.
„Architektur muss mehr leisten als Räume zu schaffen – sie muss nicht nur Nutzung ermöglichen, sondern auch Identität stiften und Zukunftsfähigkeit ermöglichen. Dies ist unser Anspruch in Geisenheim.“
— Wolfgang Berge, Geschäftsführer PA+ Architekten
Städtebau und Haltung: Vom Sanierungsstau zum Campus
Die Ausgangslage war komplex: fünf Bauteile, unterschiedliche Nutzergruppen, ein laufender Schulbetrieb und ein hoher Anspruch an Funktionalität. PA+ Architekten entwickelten ein Konzept, das bestehende Strukturen respektiert und gleichzeitig neue Qualitäten schafft. Durch gezielte Restrukturierung, Abbruch und Neubau entsteht ein Campus, der sich harmonisch in den städtebaulichen Kontext einfügt und den Nutzern klare Orientierung bietet.
Funktionale Vielfalt und Alleinstellungsmerkmale
Die Beruflichen Schulen Rheingau sind einzigartig in Deutschland:
- Bundesfachklasse für Fruchtsafttechnik – die einzige Schule in Deutschland, Österreich und Italien, an der dieser Beruf unterrichtet wird.
- Landesfachklasse für Winzerinnen und Winzer – in Hessen werden angehende Winzer ausschließlich in Geisenheim ausgebildet.
Neben klassischen Unterrichtsräumen entstehen Labore, Ausbildungsküchen, Werkstätten, eine Aula, Verwaltungsbereiche und – als besonderes Highlight – eine Sporthalle, die auch für den Vereinssport geöffnet ist.
Darüber hinaus integriert der Campus Drittnutzer wie ProJob, die VHS Rheingau-Taunus und das Medienzentrum. Diese erhalten eigene Räumlichkeiten, was Synergien schafft: So nutzt die Schule Mountainbikes für den Sportunterricht, während ProJob eine Fahrradwerkstatt betreibt, in der die Räder gelagert und gewartet werden.
Technik, Nachhaltigkeit und Bauprozess im Fokus
Die Umsetzung erfolgt in mehreren Bauabschnitten, um den Schulbetrieb aufrechtzuerhalten. Bauteil E wurde im April 2025 fertiggestellt, der vollständige Campus wird voraussichtlich 2030 realisiert.
Nachhaltigkeit ist ein zentrales Leitmotiv:
- 70 % Bestandsnutzung kombiniert mit energieoptimierten Neubauten
- BAFA-geförderte energetische Sanierung der Bestandsgebäude
- Energieeffiziente Gebäudetechnik und langlebige Materialien
- 8 Ladestationen für E-Fahrzeuge
- 100 % Barrierefreiheit auf dem gesamten Campus
Bauliche Besonderheiten:
- Baugrundverbesserung mit 443 Ortbetonverdrängungspfählen (10–12 m) als erschütterungsfreies Verfahren zum Schutz denkmalgeschützter Nachbargebäude
- Umfangreiche Schadstoffsanierung (Asbest, KMF)
- Brandschutzertüchtigung: Geschossdecken, Brandabschnitte, Brandmeldeanlagen
- Neuorganisation der Außenanlagen: Pausenflächen, Parkplätze, Feuerwehrflächen, Grünzonen
- Hochwertige Ausstattung der Fachklassenräume (Labore, Lehrküchen, Werkstätten)
Die Bauarbeiten erfolgen in enger Abstimmung mit Schule und Drittnutzern, um einen weitgehend störungsfreien Betrieb sicherzustellen. Mit der finalen Gestaltung der Fassaden und Innenräume werden Alt- und Neubauten als einheitlicher Campus erlebbar.
„Nachhaltigkeit bedeutet für uns nicht nur Energieeffizienz, sondern auch Ressourcenschonung durch intelligente Bestandsnutzung. In Geisenheim haben wir 70 % der bestehenden Bausubstanz erhalten, ergänzt durch energieoptimierte Neubauten und eine kompakte Gebäudestruktur, die Betriebskosten und CO₂-Emissionen langfristig reduziert.“
— Wolfgang Berge, Geschäftsführer PA+ Architekten
Fazit
Mit der Neustrukturierung der Beruflichen Schulen Rheingau entsteht ein Bildungscampus, der den Sanierungsstau auflöst und durch die Kombination aus Bestandsnutzung, energieoptimierten Neubauten und kompakter Gebäudestruktur langfristig tragfähige Lösungen bietet. Die Integration von Drittnutzern, die neue Sporthalle und die Aufwertung der Freiflächen schaffen Mehrwert für Bildung, Gemeinschaft und Region.
Das Projekt zeigt, wie sich funktionale Vielfalt, Ressourcenschonung und architektonische Qualität in einem stimmigen Gesamtkonzept vereinen lassen – ein Best-Practice-Beispiel für zukunftsorientierte Bildungsarchitektur.
